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From Chapter: Autographs | Literature | French-language books | Books costing more than EUR 1.000

Kessler, Harry Graf [Harry Clemens Ulrich Graf von Kessler]. Zwei Briefe in französicher Sprache auf eigenem Briefpapier (1 eigenhändiger u. 1 maschinenschriftl. m. eigenh. Unterschrift) an André Gide. Beiliegend Durchschläge der zwei Antwortschreiben von Gide. Berlin. 1928. 3 u. 4 S. 18,8 x 15 cm. 2.800,00 EUR
Im ersten Brief vom 10. September 1928 bestätigt Kessler u.a. den Erhalt von Gides Buch "Retour du Tchad", in dem dieser die koloniale Ausbeutung und Unterdrückung durch Frankreich anprangert. Er teilt mit, es mit "anhaltendem Interesse gelesen" zu haben und spricht Gide seine Bewunderung dafür aus, sich trotz der Angriffe der politischen Rechten, dieses Themas angenommen zu haben. Gleichzeitig schickt er Gide seine soeben erschienene Rathenau-Biographie und bemerkt: Rathenau und Gide seien gleichermaßen von gesteigertem Schmerz getroffen durch ihre Einsicht, dass Europas Existenz durch die Unordnung in beiden Ländern bedroht sei. Gide antwortet am 24. September und bedauert, dass Kessler "wohl wegen eines Kuraufenthaltes" seine geplante Frankreich-Reise nicht antreten konnte, zumal sein Freund Francois-Paul Alibert auf Kesslers Besuch in Carcassonne gehofft hatte (wegen des Projektes der Georgica-Übersetzung). Im zweiten Brief vom 1. Oktober 1928 schreibt Kessler, dass er die Edition von Vergils Georgica mit Maillol immer noch plane, von diesem aber noch keine feste Zusage habe und deshalb Alibert auch noch nicht beauftragen konnte. [Zwei Jahre zuvor waren in seiner Cranach Presse Vergils Eclogen mit Illustrationen von Aristide Maillol erschienen. Die dort schon im Reihentitel angekündigten Georgica wurden dann allerdings nicht mehr realisiert.] Des Weiteren berichtet er, dass er dabei sei, den Hamlet mit Holzschnitten von Edward Gordon Craig zu editieren: "Die deutsche Ausgabe in Gerhart Hauptmanns Übersetzung ist schon unter der Presse, danach kommt die englische Ausgabe dran." ["William Shakespeare. Die tragische Geschichte von Hamlet Prinzen von Dänemark. Neu übersetzt und eingerichtet von Gerhart Hauptmann. Mit Figurinen und Holzschnitten gezeichnet und geschnitten von Edward Gordon Craig." erschien 1929 in der Cranach-Presse und wurde sogleich zum "schönsten Buch des Jahres" gewählt.] In diesem Zusammenhang fragt Kessler Gide, von dessen Hamlet-Übersetzung er inzwischen erfahren habe, ob dieser seine Übersetzung für eine französische Ausgabe (ebenfalls mit Craigs Illustrationen) zur Verfügung stellen könne. Und er kündigt einen Besuch bei Gide schon für die nächste Woche an, da er mit Maillol von London aus nach Paris komme. Am 3. Oktober antwortet Gide, dass er hoffe Kessler in Paris zu treffen, beantwortet die Anfrage bezüglich des Hamlet aber negativ: Seine Hamlet-Übersetzung sei bislang nicht über den ersten Akt hinausgekommen, allerdings liege ihm auch als Fragment viel an dieser Übersetzung, die er bisher nur noch nicht publiziert habe, weil er sie verlegt hatte und nun aber wiedergefunden und einem neuen Verlag für eine Luxusedition gegeben hat. - Harry Graf Kessler, der von 1913 bis 1931 die nach seiner Weimarer Wohnadresse in der Cranachstraße benannte Presse betrieb, stand schon seit seiner Tätigkeit als Leiter des Großherzoglichen Museums für Kunst und Kunstgewerbe (von 1903 bis 1905) in Kontakt mit Gide. Im August 1903 lud er ihn nach Weimar zu einem Vortrag am Hofe ein. Die damit beabsichtigte kunstästhetische Schulung der höfischen Gesellschaft schien allerdings, einem kleineren Skandal gewichen zu sein: "Gide war ein großer Bewunderer Goethes, und als Kessler ihn also nach Weimar einlud, die große Ausstellung der Post-Impressionisten zu eröffnen, nahm er mit Begeisterung an. [...] In einem Plädoyer für ein von Nietzsche inspiriertes Heidentum argumentierte Gide, die Götter müßten zur Erde zurückkehren, damit die Kunst wieder zum Leben erwache. Aus dem abstrakten Monotheismus, der einen zu großen Unterschied zwischen Himmel und Erde mache, sei nie eine Kunst hervorgegangen. Genaugenommen gebe es so etwas wie eine christliche Kunst nicht (hier muß er ein peinliches Hüsteln und Fußkratzen unter den zwanzig Zuhörern vernommen haben)." (Laird M. Easton: Der Rote Graf. Harry Graf Kessler und seine Zeit. Stuttgart 2005, S. 183 f.) Die durch viele Gemeinsamkeiten in den Anschauungen begründete Verbundenheit zwischen Gide und Kessler bestand bis zum Tod des Weltbürgers im französischen Exil 1937. Bei der Beerdigung des zurückgezogen und verarmt gestorbenen Kessler auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise war Gide einer der nur wenigen Trauergäste. - Ein Brief an unterer Ecke mit dem Antwortschreiben Gides zusammengeklebt, sonst sehr guter Zustand.
Exhibitor: Rotes Antiquariat Phone: 030 27593500 info@rotes-antiquariat.de
The title is up for the start of the antiquarian book fair.

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