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Bultmann, Rudolf, ev. Theologe (1884-1976). Eigenh. Br. m. U. Marburg, 10. IX. 1928. 4°. 1 ½ S. 1.800,00 EUR
Hochinteressanter und für die neuzeitliche Theologie grundlegender Brief. Die Interpretation von Gott als lebendige Wirkung und nicht als bloß historische Gestalt oder gar als tote, überzeitliche Tatsache, ist in Ihrer grundlegenden Bedeutung nur mit den für die Moderne wegweisenden Erkenntnissen von Einstein und Heisenberg (1927 Unschärferelation) und der Philosophie Heideggers vergleichbar. Dessen Jahrhundertwerk "Sein und Zeit" (1927) empfiehlt Bultmann dem Adressaten zur Lektüre. In Carlshof (bei Rastenburg in Ostpreußen), einer beliebten Tagungsstätte für Predigerseminare, hielt Bultmann am 23.8.1928 erstmals seinen Vortrag "Die Bedeutung des geschichtlichen Jesus für die Theologie des Paulus" (gedruckt 1929), den er auf der zweiten Tagung der "Alten Marburger" (22.-24. 10. 1928) wiederholte. Bultmann bedankt sich nach seiner Rückkehr nach Marburg bei dem "Studien - Direktor" (Johannes Besch?) für dessen Brief, der die in Carlshof angesprochenen Themen noch einmal aufgriff: "[…] Ich bin durchaus mit guten Eindrücken von Carlshof abgereist und habe neuen Widerspruch wie jedem sonst geäußerten nur begrüßt als Förderung der Diskussion und Beitrag zur Klärung der schwierigen Fragen, die uns beschäftigten. // Sie haben gewiß recht, daß der Gegensatz zwischen Ihnen und mir in einer verschiedenen Auffassung von Geschichte und damit von Schöpfung u. Welt liegt. Mir scheint nun, daß der Glaube an die Geschichte als von Gott gewirktes Geschehen nicht als feststehende Voraussetzung verstanden werden darf, - u. ich habe den Eindruck, daß Sie ihn so verstehen. Sie sagen: ‚Diese Gedanken, dieses Leben muß, eben weil Gott es richte [Unterstreichungen im Original] seine Wirkung behalten`. Ich würde umgekehrt sagen: ‚Empfange ich aus der Geschichte neues Leben, so ist es von Gott gewirkt`, d. h. ich meine, daß der Glaube an die Geschichte als gottgewirktes Geschehen nur immer im Akt der Entscheidung oder in der Entschlossenheit, in der Entscheidung festgehalten wird, gewonnen wird, nie aber zu einer Voraussetzung werden kann, unter der die Geschichte ‚betrachtet` wird. In diesem Sinne würde ich auch das von ihnen genannte Beispiel des Verhältnisses eines Sohnes zu seiner Mutter verstehen. // Mit der Geschichtsauffassung hängt natürlich die Anthropologie aufs engste zusammen. Ihre Anschauung, dass das menschliche Leben nur weil es ein Sein ist auch ein Werden sein kann, scheint mir auf das griechische Seinsverständnis hinauszulaufen, in denen hinter dem Werden ein seiendes Substrat angenommen wird. Ich meine dagegen daß das Sein des Menschen eben ein Werden ist ["ist" doppelt unterstrichen]. Aber freilich ist das erst verständlich, wenn der Begriff des Werdens nicht missverstanden wird als der Gedanke einer bloßen Veränderung oder Abfolge von Zuständen innerhalb einer Zeitfolge. Mit Recht wehren Sie sich dagegen, daß bei einer Auffassung des menschlichen Lebens als im Vollzuge befindlich die einzelnen Momente des Lebens isoliert u. ohne Zusammenhang nach ‚vorher` und ‚danach` gedacht werden. Es kommt in der Tat darauf an, deutlich zu machen, wie im Jetzt des menschlichen Lebens (als eines Werdens) Vergangenheit und Zukunft in bestimmter Weise präsent sind. Ich meine nur, daß das nicht so geschehen darf, daß man als Substrat des Werdens ein seiendes Etwas annimmt; dann hätte man sowohl menschliches Sein wie Werden missverstanden. // Natürlich wollen diese klugen Bemerkungen, die ich mir erlaubt habe, Sie weder widerlegen noch überzeugen; sie sollen Ihnen nur die Richtung meines Fragens verdeutlichen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie aus Heideggers Buch ‚Sein und Zeit` den Eindruck gewinnen, dass die von mir vertretene Richtung des Fragens für die Theologie fruchtbar ist.-". - Am Schluss bedankt sich Bultmann noch einmal für die in Carlshof genossene Gastfreundschaft und die schönen Stunden im Predigerseminar. - // - Mit seiner Ablehnung der Substanzen-Ontologie schließt Rudolf Bultmann an Martin Heideggers (1889-1976) Philosophie an, der seit 1923 als ao. Professor in Marburg tätig war. Bultmann will nicht einfach überzeugen, sondern die Frage nach Gott offen und damit fruchtbar halten. Im Gegensatz zu manchen seiner Gegner, die ihn auf seine Rolle als Entmythologisierer reduzieren, begrüßt er "Widerspruch … als Förderung der Diskussion und Beitrag zur Klärung der schwierigen Fragen" (s. oben).
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The title is up for the start of the antiquarian book fair.

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